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Hier beschreibe ich die Folgen des Missbrauchs und der Misshandlungen, die sich bei mir individuell zeigen. Diese Folgen können auf andere zutreffen oder auch nicht. Wie gesagt, die Folgen sind individuell und nicht unbedingt für die Allgemeinheit der Missbrauchs- und Misshandlungsopfer zutreffend.

Ich kann bis heute nicht unterscheiden, was bei mir die Folgen von Missbrauch und was die Folgen von Misshandlungen ist. Beides verursacht bei mir Alpträume. Beides verursacht grosse Angst. Nur bei einem weiss ich nicht, warum es da war und noch ganz weit im Hintergrund immer noch vorhanden ist: Claustrophobie. Sie hat mich mehr als die Hälfte meines Lebens ständig begleitet. Mehr als die Hälfte meines Lebens konnte ich ihr nicht entgehen. Heute lebe ich damit, ohne wirkliche Probleme mit ihr zu haben. Dennoch ganz weg ist sie nicht. Mir war es so viele Jahre kaum möglich einzukaufen. Fast immer habe ich grosse Menschenansammlungen gemieden, bin fast nie mehr als 3 Stationen mit Strassenbahn, Bus oder U-Bahn gefahren. In Supermärkten und grossen Kaufhäusern achte ich auch heute noch darauf, dass ich weiss wo ich eine ganz ruhige Ecke habe, in die ich mich verziehen kann. Trotzdem habe ich schon lange keine Anfälle von Claustrophobie gehabt.

Etwas ganz Anderes sind bei mir die Depressionen. Sie haben bei mir wohl mit beidem zu tun. Von Klein auf wollte ich nur ein liebes Mädchen sein. Es ist mir nur mangelhaft gelungen. Zärtlichkeiten liess ich nicht zu.  Seit wann und warum das so war, weiss ich nicht. Zumindest ist das Wissen bei mir nicht präsent. Depressionen bekam ich schon im Alter von ca. 10 Jahren, es ist nur nie jemandem in meiner Familie und bei meinen Lehrern aufgefallen. Ich galt in meiner Familie als ‘Heulsuse’ und denke heute, dass es deshalb nie auffiel, dass ich Depressionen hatte. Ich war viel lieber allein und als der Missbrauch durch meinen Vater anfing, wurde ich richtig menschenscheu. Ich dachte es muss doch auffallen. Schüchtern nannten alle das dann, obwohl von Schüchternheit vorher nichts
vorhanden war. Ganz im Gegenteil. Vorher war ich einigermassen neugierig, nun war ich es nicht mehr. Im Laufe der Zeit wurden die Depressionen immer schlimmer. Mit 12 Jahren schaffte ich es endlich in ein Internat zu kommen. Dort war ich dann bis Oktober ‘73 und wurde wegen wegen ständigen Weglaufens rausgeworfen. Dafür kam ich dann in ein geschlossenes Jugendheim und mein Erzeuger hatte keinen Zugriff mehr auf mich. Wenn ich Besuch bekam, mussten wir in dem Jugendheim bleiben. So konnte er mir nichts mehr tun. Dort machte ich dann meinen Hauptschulabschluss und wurde, nach einem Zwischenaufenthalt in einem Haus für schwangere Mädchen, im April 1975 entlassen. Nun war ich wieder bei meinen Eltern und ich konnte es nicht ertragen. Wieder lief ich weg. Meine Tochter, die ich so vermisst hatte, lebte weiter bei meinen Eltern, ich brauchte mir um sie keine Sorgen zu machen. Meine Mutter passte auf sie auf.

Immer noch merkte niemand was und wenn doch mal jemand merkte, dass etwas mit mir nicht stimmte, zog ich mich schnell von demjenigen zurück. Ich dachte, ich wäre schuld. Wenn ich mich nicht so verhalten hätte, wie ich mich nun mal verhalten habe, wäre das alles nicht passiert. Wenn ich das liebe kleine Mädchen gewesen wäre, hätte meine Mutter mich beschützen können. Ich hatte nicht begriffen, dass es für mich keinen Schutz gab. Meine Mutter zu schwach, mein Opa tot und niemand anderes da, dem ich vertraut hätte. Ich war sehr einsam und fühlte mich von allen verlassen. Je einsamer ich mich fühlte, um so mehr erstarrte mein Gesicht. Irgendwann konnte man dann an meinem Gesicht nicht mehr erkennen, was ich fühlte. Ich misstraute auch immer mehr meinen Gefühlen. Niemanden liess ich mehr an mich heran. Nähe wurde mir immer unerträglicher. Nicht einmal meine Kinder liess ich an mich heran. Ich wollte und konnte nicht noch mehr Schmerz ertragen müssen. Ich stellte an mir fest, dass Nähe mir immer mehr weh tat und brach eines Tages aus dieser Nähe aus. Der Schmerz wurde nicht geringer. Ganz im Gegenteil.